Alle Artikel in: Texte und Inspirationen

Erwartungen

Seit ein paar Tagen begegnen mir in verschiedenen Zusammenhängen „Erwartungen“. Erwartungen an Freunde und Kollegen, an Partner, Kinder – und ganz besonders die hohen Erwartungen, die Menschen oft an sich selbst stellen. Dass Erwartungen da sind gehört wohl zu unserem Menschsein dazu, wir können das nicht verhindern. Die Frage ist aber: bemerken wir diese Erwartungen eigentlich oder werden wir wie automatisch von ihnen gesteuert? Vielleicht kennst du das ja wie es ist, hohe Erwartungen an sich zu stellen – und zugleich Strategien zu entwickeln, wie man sich diesen Erwartungen auch wieder entziehen kann. Zugleich habe wir – kein Wunder! – so schnell das Gefühl, dass andere viel erwarten. Achtsamkeit kann uns bewusst machen, dass dieses Ping-Pong-Spiel viel Energie verbraucht – die wir eigentlich gut gebrauchen könnten, um einfach in aller Ruhe unseren Weg zu gehen und das zu tun, was zu tun ansteht. Erwartungen haben mit diesem „tun, was zu tun ansteht“ und mit dem „da sein mit dem, was jetzt ist“ nichts zu tun. Sie haben oft auch nichts mit dem Menschen zu tun …

Innere Wetterlage

Einmal wieder war es gestern ein Kind, das meine Achtsamkeitsglocke angeschlagen und mir gezeigt hat: so oft sehen wir nur einen Ausschnitt der Wahrheit, so oft urteilen wir und kennen doch nur ein winziges Teil vom großen Puzzle. Innerlich fluchend schleppt ich meine Einkäufe über einen matschigen Parkplatz zum Auto. Nasskalt war es, es nieselte, die graue Wolkendecke hing tief. Während ich noch fröstelnd damit beschäftigt war meinen Kram zu verstauen, tauchten hinter mir Kinderstimmen auf und plötzlich hörte ich den jubelnden Aufschrei eines Mädchens: „Schaut mal – eine Pfütze!“ Und da standen sie dann zu viert um eine Riesenpfütze mit einer Freude und einer Begeisterung, als wäre ihnen gerade ein Wunder über den Weg gelaufen. Und ich stand da und fragte mich, wann ich mich eigentlich zum letzten Mal so über eine Pfütze gefreut habe. Und wer eigentlich darüber bestimmt, was ich sehe und was meine Stimmung oder meine innere Wetterlage beeinflusst. Einmal wieder zeigt sich: das Wetter da draußen kann ich nicht verändern. Meine innere Ausrichtung hin zur Freude, zur Begeisterung und zur …

Fehlern begegnen

Wie eigentlich würde es uns selbst, unseren Kindern und allen Menschen ergehen, wenn wir  immer öfter mal mit freundlicher Anteilnahme fragen würden: „Was hast du schon mal falsch gemacht – und was ist denn eigentlich daraus geworden?“ Was wäre, wenn wir Fehlerhaftigkeit in unser nicht urteilendes Gewahrsein einschließen könnten – und wenn wir über die Fehler, die uns passieren, mit einem Menschen sprechen könnten der nicht urteilt, kein Ziel mit uns hat und auch keine Angst, das anzuhören, was ausgesprochen werden will? Der also einfach da ist, aufmerksam und freundlich, und der sanft nachfragt, wenn dies gebraucht wird?

Gelesenes: Erling Kagge „Stille“

„Die Stille um dich herum kann vieles enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist. Eine Stille, die ich in gewisser Weise selbst schaffe. Daher suche ich nicht mehr nach der Stille um ich herum. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir.“ In unserer lauten Welt sehnen wir uns nach Stille. Ist die Stille aber da, halten wir sie oft nicht aus, werden unruhig, lenken uns ab. Der norwegische Autor und Abenteurer Erling Kagge hat sich auf den Weg gemacht, die Stille zu suchen – und aus dieser Suche ist nun ein kluges und inspirierendes Buch geworden, das ich euch sehr empfehle. Einen Wegweiser, wie im Untertitel versprochen, einen Ratgeber also wie man Stille findet, sollte man nicht erwarten. Vielmehr lotet Erling Kagge in 33 Abschnitten seine eigenen Erfahrungen mit Stille aus – und als LeserInnen dürfen wir uns vertrauensvoll auf diesen Wegen führen lassen. Es sind Erinnerungen und Fragen, Gespräche, philosophisches und allgemein menschliches, er unternimmt Wege zur Wissenschaft, zur Literatur, Kunst und Musik, …

Um Hilfe bitten

In unterschiedlichen Zusammenhängen begegnet mir gerade das Thema „helfen und sich helfen lassen“. Es gibt meine über achtzigjährige Mutter, die mehr und mehr auf Hilfe angewiesen ist und meine Versuche zu verstehen, was eigentlich hilft wenn sich das Leben langsam neigt. Es gibt die Babys und Kleinkinder in meinen Kursen und die wiederkehrende Frage, in welchen Situationen Eltern eingreifen und helfen sollten und in welchen wir schon ganz kleinen Kinder Hilflosigkeit anerziehen, weil wir ihr Tempo nicht respektieren oder oft nicht abwarten können, bis sie ihre Fähigkeiten selbst entdecken. Ich denke auch an Maria Montessoris Satz „Hilf mir, es selbst zu tun“ – und an die Gratwanderung zwischen „zu viel helfen“ und „im Stich lassen“, auf der wir immer wieder unterwegs sind. Und ich denke an eine Kursteilnehmerin, die von einem auf den nächsten Moment vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte und an ihre Einsicht, wie herausfordernd es ist, plötzlich nicht mehr diejenige zu sein, die alles im Griff hat, sondern diejenige, die andere um Hilfe bitten muss, sogar für die allerkleinsten Kleinigkeiten.

Galway Kinnell: Die Knospe

Die Knospe steht für alles selbst für jene Dinge, die nicht blühen, denn alles blüht, aus sich selbst, aus innerem Glück, obwohl es manchmal nötig ist, ein Ding nochmals seine Liebenswürdigkeit zu lehren, einer Blume die Hand auf die Stirn zu legen ihr mit Worten und Berührungen zu sagen, wie schön sie ist, bis sie wieder aus sich selbst blüht, aus innerem Glück. aus Sharon Salzberg: Metta Meditation. arbor 2006

Fehler machen

Auf der Welt und lebendig zu sein heißt, zu lernen und zu wachsen. Lernen und Wachsen aber ist mit Irrwegen und Fehlern verbunden. Wir alle machen Fehler, weil unsere Erfahrungen oder unser Wissen noch nicht ausreichen, um anders mit einer Situation umzugehen. Manchmal geht es auch an einem bestimmten Punkt nicht weiter, wir halten an Urteilen und Vorstellungen fest oder es fehlt an der Möglichkeit, die ganze Situation zu überschauen. Eine alte Geschichte erzählt von fünf blinden Gelehrten, die von ihrem König beauftragt wurden herauszufinden, was ein Elefant ist. Die fünf wurden also zu einem Elefanten geführt und jeder von ihnen ertastete einen Teil des Tieres. Zurück beim König wurden sie befragt und jeder der Gelehrten war überzeugt davon, die Wahrheit herausgefunden zu haben. Der Erste hatte das Ohr des Tieres ertastet und begann: „Der Elefant ist wie ein großer Fächer“. Der Zweite hatte den Rüssel berührt, und widersprach: „Nein, er ist ein langer Arm.“ Der Dritte hatte den Schwanz des Elefanten ergriffen und war überzeugt: „Ein Elefant ist ein Seil mit Haaren am Ende!“. …

Besucher im Gasthaus

Auf einer Seite über Achtsamkeit darf natürlich der Text „Das Gasthaus“ des persischen Dichters und Gelehrten Rumi nicht fehlen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es mir während meiner Achtsamkeitsausbildung zum ersten Mal begegnete und wie mir von diesem Moment an bildlich vor Augen stand, was mit dem Kommen und Gehen von Gedanken, Gefühlen, inneren Bildern und Impulsen eigentlich gemeint ist. Wir alle kennen wohl Tage und Zeiten, in denen Gedanken, Vorstellungen und Urteile fröhlich in unserem Inneren ein- und ausspazieren oder sich manchmal auch gewaltsam Einlass verschaffen. Und manchmal scheinen sich all diese „Gäste“ nicht in einem Gasthaus, sondern vielmehr in einem 1000-Betten-Hotel zu tummeln und die Räume mit unterschiedlichen Aussagen und widersprüchlichen Meinungen und Forderungen zu erfüllen. Dabei fällt mir auch das großartige Buch

Sich nicht einmischen

Schon lange begleitet mich ein Text der italienischen Kinderärztin und Pädagogin Maria Montessori über die Kunst, sich nicht einzumischen. Sie beschreibt darin die beständigen Impulse der Erwachsenen, sich in das Tun von Kindern einzumischen mit dem Ziel, Dinge zu verbessern, dem Kind zu helfen oder es zu verändern. Und regt dazu an, immer dann wenn wir einen solchen Impuls spüren, eine Perlenkette zu nehmen und eine Perle zu schieben – bis wir zu einem Gefühl der Ruhe und Stille kommen, das uns innerlich verändert. Dieses einfach da sein ohne ein Ziel zu verfolgen ist nicht leicht. Im Zusammensein mit Kindern habe ich oft erlebt, dass sich Eltern und Pädagogen zwar äußerlich still verhalten und sich weniger einmischen – innerlich aber mit der Vorstellung verbunden sind, dass Kinder auf diese Weise eigenständig lernen und forschen, selbstständig werden oder „besser lernen“ – und gar nicht bemerken, dass sich die Katze gerade in den Schwanz beißt und sie sich von der Haltung  sich „nicht einzumischen“ weit entfernt haben. Andererseits darf dieses „sich nicht einmischen“ nichts damit verwechselt werden, …

Schlichtes Tun

Im Sinne der Achtsamkeit ist es wohl nicht besonders hilfreich, vergangene Zeiten zu idealisieren oder zu glauben, dass früher alles besser war. Und doch spüre ich immer mal wieder so ein kleines Seufzen in mir und eine kleine romantische Sehnsucht nach dem „einfachen Landleben“. Ich stelle mir dann gerne vor wie es wohl wäre, die eigenen Kartoffeln zu ernten, Tiere zu versorgen und in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen auf einem Hof zu leben. Ich hätte dann unbedingt auch einen großen Sonnenhut, eine Bank in der Sonne mit Blick auf den Gemüsegarten und sonntags gäbe es immer frischen Apfelkuchen. Die Realität eines solchen Lebens blende ich dann natürlich gerne aus – und auch die Frage, wie es wirklich wäre, als „Selbstversorger“ zu leben oder wer wohl sonntags früh aufstehen würde, um für alle Kuchen zu backen. Wenn ich in dieser Sache tiefer schaue gibt es zum einen den Wunsch, mehr mit der Natur verbunden zu sein und mehr im Rhythmus der Natur leben zu können. Zum anderen stelle ich mir vor, dass so ein mit …